Putschversuch
Dienstag, September 7th, 2010Eigentlich sollte vor dem Ausbruch eines “Putsch” klar sein, gegen was er sich mit Gewalt auflehnt und wie man mit selbiger das vom Thron gestossene Alte zukünftig ändern wird. Zur Zeit befinde ich mich in dieser Orientierungsphase und versuche die Dinge zu definieren.
Meine “Waffe” ist das Wort und Bild und mit ihnen übe ich die Gewalt aus. Beide stellen mich vor das Problem, sie richtig und wohl dosiert anzuwenden. Es geht nicht darum Leid anzurichten, sondern Ohr, Augen und den Geist zu öffnen.
Die Instrumente Wort und Bild zeigen mir viele Parallelen auf. Sie sollten eigentlich den Lesenden und Betrachtenden als Inspirationsquelle dienen und Kraft seines eigenen Denkkasten zu eigenen Schlussfolgerungen anregen.
Und schon stehe vor dem ersten Problem … zumindest bei meinen Texten: Der Leser möchte, für meinen Geschmack, zu oft nicht selbst Nachdenken und seine eigenen Schlüsse ziehen. Er möchte beinahe ausnahmslos konsumieren. Ich habe den Eindruck, er erwartet von mir die Weltformel, die ihm fortan und am besten zum allseitigen Nulltarif alles erklärt.
Im Wort habe ich keine Lösung gegen dieses Symptom gefunden. In Bildern gelingt es mir und mit meinen eigenen Augen betrachtet wohl besser. Ich belichte lang und mehrfach, bewege die Kamera oder lasse mein Objekt arbeiten und ändere die Brennweite und Belichtungszeit. Herauskommt ein “Chaos auf den ersten Blick”. Ich nötige zum zweiten Blick.
Ich steigere meine Gewalt und “entwickle” die Digitalvorlage so, dass Details am Mainstream-Bildschirm verschwinden: Weiße Flächen, wo mit etwas Aufwand doch noch Tonung und Linien darin stecken. Dem (interessierten und aufnahmefähigen) Betrachter sollte es Wert sein, sich Zeit zu nehmen und zu sehen …
Irgendwie klingt alles nach gequirltem Dünnpfiff … nach einem postpubertären Bockanfall eines Mannes, der nicht sein Lieblingsspielzeug bekommt oder chronisch untervögelt ist …

Foto: 2010 Ronald Puhle
Nachtrag 07. September 2010
Der Artikel entstand vor drei Tagen. Ein Bauchgefühl trieb mich an, irgendwie mein jetziges Tun “zu rechtfertigen”. Heute morgen entdeckte ich einen Artikel aus dem Jahre 2006 über den Freitod des deutschen Fotografen Wilfried Bauer. Ohne einen beklemmenden Seelenstrip hinzulegen, entdecke ich einige Parallelen, was mich an den zahlreichen Könnern und der lammfromm folgenden Masse anstinkt …
War es nicht vorher möglich in der breiten Masse über die “Umstände” zu debattieren und damit vielleicht das Leben EINES Menschen zu retten? Oder lohnt es sich nicht mehr, ernsthaft über EINEN Einzelnen zu reden, weil er eventuell nicht der Einzige ist? Hat das Tun von Wilfried Bauer ansatzweise eine Diskussion über das “Masse einlullen” angeregt oder gar ein Umdenken bewirkt? Lieber nicht: Im Herdentrieb ist es bequem und widerstandsfrei zu sagen, der “Eigenbrötler” hat den “Zeitgeist” verpennt und war einfach nur depressiv …








