Ich bewundere Leute, die aus dem Stehgreif eine Aufnahme als ihr Lieblingsfoto oder Foto des Jahres benennen können. Mit dieser Art der Festlegung tue ich mich schwer, was ebenso für die Frage nach dem Warum gilt. Bei Menschenfotos … wie Michael K. Trout immer so schön zu pflegen sagt … steckt immer eine mehr oder minder starke Bindung dahinter. Das gilt vor allem zu jenen Modellen, mit denen ich eine längere Zeit zusammenarbeite. Diese Bindung kann die beste Aufnahme nicht herüberbringen … wohl dem aber mein Einfühlungsvermögen in die Person mir gegenüber.
Bei “statischen” Motiven in der Natur, Landschaft oder Stadt gehe ich relativ emotionslos ans Knipsen. Mich spricht zwar das Motiv an und ich glaube auch etwas Lohnenswertes festzuhalten, doch dann hört es schon mit den emotionalen Gemeinsamkeiten auf. Mit beiden Aussagen möchte ich mich weder herausreden oder irgendetwas schlecht machen. Mit einem (digitalen) Foto zimmere ich den Rohbau eines neuen Hauses. Wenn es mir gelingt, mit dem Stand der Kamera und richtigen Optik das Motiv nach meinen Vorstellungen einzufangen, dann bin ich mit dem Ergebnis zufrieden. Den Feinschliff übernimmt dann die digitale Entwicklung … und hier sehe ich einen gewissen Unruhepol.
Wenn ich mich entscheiden sollte, auf welcher Strecke ich in den letzten Jahren größere “Entwicklungssprünge” gemacht habe, dann fiel meine Wahl auf die RAW-Entwicklung. Sicherlich war die Geburtsstunde des A’lfi Hartkor auch ein fotografischer Meilenstein für mich, doch bevor geboren werden kann, muss erst einmal gezeugt und anschließend über neun Monate schwanger getragen werden.
So wie ich meine Ausstellungen nicht selbst kommentiere und eröffne, überlasse ich es jemand externen DAS Foto von mir festzulegen. Am Rande der “Tiefen, Mitten & Lichter”-Ausstellung meinte Roswitha Skowasch, dass das nachfolgende Foto ein … der … Ronald Puhle sei, den sie persönlich kennt. Warum und weshalb sie das meinte, kann ich nicht sagen. Wie so viele Dinge bei mir, war es auch für Roswitha eine Bauchentscheidung.

Foto: 2006 Ronald Puhle
Ich möchte einfach meine Geschichte zu dem Baum am Wegesrand erzählen. Vor ein paar Jahren schickte mir ein langjähriger Internetfreund ein Foto, wo der Baum zusehen war. Als Motiv war ich davon begeistert, lediglich der Bildaufbau gefiel mir absolut nicht. Und so nutze ich einen Abstecher nach Stuttgart, (m)ein Foto davon zu machen. An dem Tag zog ein Gewitter über Maichingen auf und die Wahl des Objektivs empfand ich als suboptimal.
Zwei Jahre später wollte ich den Fehler wettmachen und es entstand dieses Foto. Anfänglich hatte ich am Aspektverhältnis des Kleinbildformats festgehalten. Noch einmal zwei Jahre später löste ich mich von dieser Vorstellung, entwickelte die RAW-Vorlage nach einem völlig anderen Ablauf und setzte “meinen” Baum in ein quadratisches Bildformat. Gegenüber der ersten Version wollte ich bewusst … aber ohne innere Rebellionsgedanken … alles anders angehen. Es sollte mehr Licht als Quelle des Lebens im Gegensatz zum Symbol, dem abgestorbenen Baum stehen …

Foto: 2008 Ronald Puhle
Mein “bestes” Foto kann nicht nur eine Aufnahme eines Motivs sein. Für mich ist die Geschichte dahinter, meine Intention es überhaupt und genau so aufzunehmen sowie das “entwickelte” Ziel genauso wichtig. Wenn es mir gelingt, dass sich meine Gedanken im Bild reflektieren und der Betrachter damit umgehen kann, dann habe ich mein Ziel erreicht. Und genau deshalb überlasse ich es eben auch dem Betrachter, mein bestes Foto zu küren …