Tag 71
Samstag, Januar 30th, 2010Ich bin irritiert. Ist die Menschheit im Teletubbie-Zeitalter angekommen und nicht mehr in der Lage, auf dem natürlichen Weg (kurz Kopf genannt) 1 + 1 zusammenzurechnen? Wie in einem gutgemachten Horrorfilm höre ich Antworten wie: “Naja … irgendwas zwischen 1 und 3 muss rauskommen”. Muss für die algebraische Grundoperation, die übrigens Lehrziel jeder ersten Klasse einer deutschen Grundschule ist, ein Taschenrechner bemüht oder eine 500 Seiten Schwarte geschrieben werden? Brauche ich für vier gleichlange Lego-Steine eine Bauanleitung, um daraus einen Quader zu basteln? Der einfachste Fall wäre es doch, sie übereinander zu stapeln. Der Clou dabei: Ich müsste mir noch nicht einmal Gedanken über die Reihenfolge der Kunststoffklötzer machen. Es klingt für mich logisch, doch gilt das auch für Andere?
Wenn ich mit 50 Stundenkilometer durch ein Wohngebiet (Tempo 30-Zone) fahre, sollte mir als Führer des Automobils klar sein, dass das Risiko eines Unfalls ungleich höher ist als bei der vorgeschriebenen Geschwindigkeit. Es muss ja nicht unbedingt einen Menschen treffen. In der Regel sind die Strassen in solchen Wohngebieten schmal. Somit besteht bei überhöhter Geschwindigkeit die Gefahr, zufällig geparkte Autos zu treffen. Tritt der Fall ein, hat natürlich der Parkende Pech gehabt: “Was stellt er auch das Auto genau dorthin?”
Ich betrachte die eigentlich verursachenden Zusammenhänge als logisch und benötige keine weitere detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Im Gegenteil: Da sich Kinder im Spiel wenig um den “beruhigten” Strassenverkehr kümmern, sollte die Geschwindigkeit fairerweise unterhalb den erlaubten 30 Stundenkilometer liegen. Das wäre vernünftig und weitsichtig, auch wenn der Fahrer etwas mehr Fahrzeit benötigt. Es klingt logisch, aber bin ich in Sachen Vorsicht übermotiviert?
Ein anderes Beispiel. Ich lebe in einer festen, nicht offenen Beziehung. Das heisst soviel wie Treue zum Lebensabschnittsgefährten. Wenn sich ein Partner nicht daran hält und seine sexuelle Befriedigung woanders sucht, dann stellt das einen Vertrauensbruch dar. Kommt das Ganze heraus, führt es wohl zu einem handfesten Beziehungsproblem. Die Form möglicher Konsequenzen lasse ich einmal aussen vor. Nur muss Mann beziehungsweise Frau mit Konsequenzen rechnen und darf am Ende nicht so tun, als sei nichts Besonderes passiert. Egal worin die Ursache der Untreue zu suchen ist, das Vorangestellte klingt aus meiner Sicht logisch.
Wenn ich vier Freiheitsgrade an einer Kamera besitze … nenne ich sie mal ganz willkürlich Blende, Belichtungszeit, Empfindlichkeit und Licht … und diese können unterschiedlich abgestuft werden, ergeben sich daraus eine Vielzahl an Variationsmöglichkeiten. Ich neige fast dazu von annähernd unendlichen Kombinationen zu reden. Genügt es nicht die Freiheitsgrade und ihre Wirkung zu kennen, um daraus logisch kombiniert seine eigenen Schlüsse zu ziehen?
An der Stelle muss ich mich selbst unterbrechen … denn hier liegt ein Denkfehler meinerseits vor. Ein Technik-Freak denkt so. Der Fotograf sieht es anders, denn er selbst ist der fünfte und dominierende Freiheitsgrad. Erst an dem Punkt angekommen wird die vorherige Aussage logisch, obwohl sie eher etwas mit dem Charakter des Fotografen zu tun hat.
Ich bin etwas am verzweifeln. Wenn ich mein neues Fish Eye-Objektiv aufsetze und damit bei großer Blendenöffnung hautnah an den Aschenbecher rücke, dann kann ich trotz kurzer Brennweite keine scharfe Abbildung erwarten. Man mag es die Verquickung ungünstiger Umstände nennen … oder auch Dilettantismus. Angesichts des knappen Lichtes war ich dazu gezwungen. Doch für viel wichtiger erachte ich meine Absicht als Fotograf: Mein Fish Eye verzerrt den Aschenbecher zu überdimensionalen Comic-Lippen! Genau diesen Effekt wollte ich bei den ersten Probeaufnahmen sehen. In dem Fall ist die Sache rund, logisch oder was auch immer …

Foto: 2010 Ronald Puhle
Manchmal muss ich über verbale Rückkopplungen eine Nacht schlafen, um sie ansatzweise zu verstehen. Nachdem mein Gehirn eine Denkpause eingelegt hat, erscheint einiges logisch … wenn auch inkonsequent. Da kaufen sich zum Beispiel Knipser Amateure eine Kamera aus der Profi-Liga und sind im voll- und teilautomatischen Modus knipsend ernsthaft der Meinung, mindestens in die semiprofessionelle Klasse aufgestiegen zu sein. Sorry, ich bin da anderer Meinung. Von einem Automaten kann ich keinen kreativen Output erwarten. Er kann zwar Dank einer gewissen (elektronischen) Logik so tun als ob. Unter dem Strich bleibt es ein Automat … egal ob in der Kamera, am Fließband oder als “Sicherheitstechnik” in einem Automobil.
Ich degradiere Blende, Belichtungszeit und Empfindlichkeit seit meiner ersten Spiegelreflexkamera zu hörigen Untergebenen. Mit meinem eingeschränkt bescheidenen Horizont lasse ich das Licht sprechen und interpretiere Motive nach meinem Gusto. Genau der Punkt scheint für mich die logische Konsequenz zu sein, weshalb ich überhaupt fotografiere. Ich bin deshalb kein Rebell, Widerstandskämpfer oder Querdenker. Ich mache mir die Technik zum Untertan … etwas freundlicher klingt: zum Werkzeug … und versuche sie nach besten Wissen und Gewissen in meinem ureigenen Interesse zu gebrauchen. In dem Sinne ist sie für mich wohl eher ein Gebrauchsgegenstand und ich ihr Nutzer … und nicht umgekehrt!






