Tag 88
Samstag, September 4th, 2010Seit Montag Nachmittag ist “Ruhe” in mein Leben eingekehrt. Ich hatte die letzten vier Fotos rausgesucht, verschickt und fertig. Mehr kann nicht nicht mehr tun. Das Loslassen ist befreiend und beängstigend zugleich. Doch ich glaube, gute Arbeit geleistet zu haben.
Seit dieser Woche weiss ich (wieder), was für ein schlimmer Finger und ganz böser Bub ich bin. Die Rolle des Jedermann Lieblings steht mir eben nicht, mit süßen Worten anderen Mitmenschen ungespitzt ins Popo-Loch flutschen auch nicht. Das können andere Zeitgenossen viel besser und selbst ohne Gleitmittel absolut schmerzfrei. Ja, ich bin kein wandelnder Honigkuchen, habe andere Ansprüche und Prioritäten gesetzt. Dass das abseits der normalen Schiene liegt, stört mich nicht weiter. Ich muss mir jeden Morgen in den Spiegel schauen und mit meinem Tun zurechtkommen.
Analog der bitterbösen E-Mail hatte ich heute früh ein Deja-vu: Eine Frau betrat mit Ableger und vollgepacktem Rucksack die Tram meines Vertrauens. Sie stellte sich mitten in den Gang. Im Abteil vor ihr stauten sich die Mitreisenden. Einige wollten der Enge entfliehen und zwangen sich an ihr vorbei. Der große dumme weiße Vogel plusterte sich jedes mal wie ein Kampf-Gockel auf und schüttelte voller Unverständnis den Kopf.
Was fällt der hässlichen Brezel eigentlich ein? Die Schranze hätte nur ihren Rucksack abnehmen und gemeinsam mit ihrem Ableger im KITA-Alter seitlich von sich hinstellen können. Ein Moment des logischen Denkens verschwendet und schon hätten die eingeklemmten Passagiere ohne Probleme in den freien Teil der Tram wechseln können.
Manche Mitmenschen halten sich für den Mittelpunkt des Universums und verhalten sich dementsprechend. Sich in die Lage anderer zu versetzen ist zuviel des Guten verlangt. Wenn der eigene Radius im Denkkasten gegen Null geht, kann auch nichts Vernünftiges dabei herauskommen.
War es wirklich zuviel verlangt, auf ein oder zwei Fragen eine Antwort zu geben? Kann SIE nicht ansatzweise erahnen, wie viel Arbeit darin steckt, vom ICH auf WIR und dann doch wieder auf ICH umzuschreiben. Entgegen meiner bisherigen Schreibe war ich dummerweise bemüht, diesmal von der ersten bis zur letzten Seite durchzuschreiben. Dummheit, auch wenn es die eigene ist, muss bestraft werden.
Irgendwo muss irgendwann mal ein Punkt gesetzt werden. Es geht um eine fixierte Zusage, die erfüllt werden will. Ein Kleinkrieg um Nichtigkeiten ist nicht nur Kindergarten-Niveau, sondern äußerst kontraproduktiv. Und so lasse ich mich verkrampft in dieses Prinzip gerne beschimpfen. Das Schlimme daran ist nur, dass IHRE Argumente von mir und den Fragen genervt zu sein einmal mehr meine Entscheidung rechtfertigen.
Männer waren, sind und bleiben primitiv: Langes wallendes Haar in Blond und zwei große Argumente stellen wider besseren Wissens den animalischen Trieb über den Verstand. Allein den Schuh muss und werde ich mir anziehen. Alles andere sind “nur” Folgeerscheinungen und wieder eine Lehre fürs Leben: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sind wahre Feinde das einzig Beständige.
Trotz aller Enttäuschung über den ausgewachsenen Mädchen-Bock schaue ich nach vorn. Ein alter Weggefährte kreuzt wieder meinen Weg. Um ehrlich zu sein, haben wir uns nie aus den Augen verloren. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass ihn meine damalige Haltung in arge Bedrängnis gebracht hat. Dennoch scheint er mir nicht böse darüber zu sein … im Gegenteil. Er ermunterte mich damals sogar, den Schritt zu gehen. Das Loslassen und woanders Fuss fassen war damals schwer und schmerzlich, aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung. In dem Sinne kann es für mich nicht verkehrt sein, auf die innere Stimme zu hören und unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
Unter anderen Vorzeichen blicken wir zaghaft in die Zukunft. Er ist ein Macher und Motivator, ein offener und ehrlicher Mensch. Das hat er mir bereits bewiesen. In dem Sinne ist klar, wohin uns die nächste Reise führen wird. Bevor es losgeht, möchte ich ein paar Wochen Ruhe geniessen, ein paar Fototermine wahrnehmen und neue Kraft tanken. Danach geht es, allein der Image-Pflege wegen, wie gehabt kritisch und brummig wie eine Miesmuschel frisch ans Werk …




