Nikon Systemblitz-Technik – Ein inoffizielles Update
In den letzten Tagen erfreue ich mich … erfreuen wir uns … am Feedback von Lesern des Buches Nikon Systemblitz-Technik. Dabei kristallisieren sich Themen wie die Belichtungsmessung, das entfesselte Blitzen und die Kurzzeitsynchronisation als Schwerpunkte heraus. Um entstandene Missverständnisse oder Fehlinterpretationen vorzubeugen, möchte ich ein kleines “inoffizielles” Update zum Buch nachschieben.

Foto: 2006 Ronald Puhle
Belichtungsmessung
Ein Kritikpunkt ist unser Umgang mit der 3D-Color-Matrixmessung. Obwohl wir mehrfach darauf hinweisen, dass man unser Vorgehen nur als Empfehlung verstehen sollte und jeder Fotograf sein eigenes Handeln aus dem Buch ableiten sollte, wird an der Empfehlung des Kameraherstellers relativ starr festgehalten. Warum nehmen wir die Position ein? Leider können wir unsere Motive und die jeweilige Ausleuchtung nicht als Bastelbogen zum Buch mitliefern. Erst dann wäre annähernd gewährleistet, dass der Leser unser Vorgehen 1:1 nachempfinden kann.
Nikon empfiehlt, die 3D-Color-Matrixmessung unkorrigiert zu benutzen, kommentiert allerdings in seinen Handbüchern nicht weshalb. Während die Spot- und mittenbetonte Belichtungsmessung auf einem Messwert (mittleres Grau, 18% reflektiertes Licht) beruht, arbeitet die 3D-Color-Matrixmessung nach dem Vergleichsprinzip (siehe zum Beispiel Seite 196 oder 246). Hier ist die Referenz eine Art Datenbank, mit der das “Matrix-Ergebnis” verglichen wird. Dementsprechend erfolgt in den teil- und vollautomatischen Belichtungsprogrammen die Einstellung der Blende, Belichtungszeit und gegebenenfalls der Empfindlichkeit auf “digital gespeicherte Erfahrungswerte”. Um reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten, soll der Fotograf keine Belichtungskorrektur in der Matrixmessung ausführen.
Das Ansinnen von Nikon und die daraus resultierenden Konsequenzen klingen logisch. Dennoch bedeutet es nicht, sie je nach Motiv auch konsequent bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Jede Belichtungsmessung wird auf Veränderungen des Lichtes, dem Kamerastandpunkt etc. reagieren und Korrekturen erforderlich machen. Liegt bei der Spot- und mittenbetonten Belichtungsmessung kein referenzähnlicher Grauton vor, ist sie quasi ein Muss. Die 3D-Color-Matrixmessung versucht es, entsprechend ihres Funktionsprinzips, selbsttätig auszubügeln. Und genau aus diesem Grund greifen wir lieber zur Matrixmessung und korrigieren sie sogar. Es lässt sich von uns nicht genau sagen, welches Motiv oder welche Lichtsituation es betrifft. Vielmehr ist es ein intuitives Vorgehen, dass wir uns über Jahre angeeignet haben. Des Weiteren muss man auch die Kameraklassen berücksichtigen. Einsteigerkameras kommen mit kleinere Messsensoren daher. Dementsprechend “ungenauer ist ihre Motiverkennung” und Fehler sind möglich.
Ich möchte noch einen anderen Gedanken zu dem Thema äußern. Wir ermuntern den Leser mehrfach, anstelle eines teil- und vollautomatischen Belichtungsprogramms die manuelle Kontrolle über die Belichtung zu erlangen. Durch die Lage des beziehungsweise der beiden Einstellräder kann man schnell auf Veränderungen reagieren. Dadurch “verkommt” der Belichtungsmesser zwar zum reinen Hilfsmittel, doch sollte er einen möglichst großen Bildbereich erfassen. Das spricht wieder für die 3D-Color-Matrixmessung oder die mittenbetonte Belichtungsmessung mit einem großen Durchmesser.
In dem Zusammenhang möchte ich auch noch auf das Aufhellen eingehen. Allein diese Blitzsteuerung kann kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Vordergrundmotiv und Hintergrund erzielen … egal wie trickreich hier Nikon vorgeht. Den Grundstein setzt der Leser mit der Belichtungszeit. Das Aufhellen ist lediglich das Salz in der Suppe. Denn eines muss man sich in dem Punkt vor Augen führen: An der Ausbreitung des Blitzlichts kann auch das Aufhellen nichts ändern.

Foto: 2009 Ronald Puhle
Entfesseltes Blitzen
Worin liegt der Unterschied zwischen dem i-TTL und manuellen Blitzen? Das Ziel der TTL-Blitzsteuerung ist eine optimale Belichtung der Aufnahme. Das heisst: Die Kamera gibt ein gewisses Blitzbelichtungsniveau vor und der Fotograf kann auf dessen Grundlage Veränderungen (Abstand der Blitzgeräte, Blitzrichtung, Blitzenergie usw.) vornehmen. Die manuelle Kontrolle der Blitzenergie “befreit” den Fotografen vom Zwang der optimalen Belichtung. Das Ausgangslevel ist also ein völlig anderes und erfordert dementsprechend mehr Eingriffe.
Das entfesselte Blitzen ist aufgrund seiner verteilten Blitzlichtquellen anders zu bewerten als Blitzlichtaufnahmen via Blitzschuh. Damit ist eine Diskussion im Sinne des BL-Aufhellens hinfällig. An deren Stelle treten eben die zusätzlichen Blitzköpfe. Selbst Nikon gibt sich an der Stelle etwas schwammig. So geben die Handbücher das Aufhellen im Advanced Wireless Lighting explizit an. Vielleicht hätte eine andere Sprachregelung für weniger Verwirrung gesorgt. Das Vorblitzen in diesem Modus dient zum einen der Konfiguration der Slave-Blitzgeräte und zur Bestimmung der erforderlichen Blitzlichtleistung … natürlich wieder im Sinne der optimalen Belichtung. Da die Positionen der einzelnen Blitzgeräte der Kameraelektronik nicht bekannt sind, sollte man sich zum besseren Verständnis vorstellen, dass die Blitzgerätegruppen nacheinander per Vorblitz abgefragt werden und das Ergebnis in die Blitzenergiebestimmung einfließt. Die Aussage ist aber bitte als sehr salopp einzustufen.
Der Einsatz von Lichtformern mindert nicht die Blitzenergie … vorausgesetzt sie wird nicht geändert. Vielmehr ändert sich das Abstrahlverhalten, oft gekoppelt mit einer größeren Lichtaustrittsöffnung und diffuser Ausleuchtung. Je nachdem wie viel i-TTL ohne Lichtformer an Blitzenergie zur Ausleuchtung beigetragen hat, kann der “höhere” Lichtbedarf für dieselbe Belichtung so hoch sein, dass bei weitem nicht das gleiche Belichtungsergebnis erreicht wird. Auch hier zählen wieder die Ausgangsbedingungen und das eigentliche Ansinnen, mit Lichtformern das Blitzlicht zu manipulieren. Dies geht mit Veränderungen der Ausleuchtung und Belichtung zwangsläufig einher. In der Regel signalisiert das Blitzgerät beziehungsweise die Kamera den zusätzlichen Lichtbedarf (Warnung einer möglichen Unterbelichtung). An der Stelle hilft dann nur die Anpassung der Kameraeinstellung weiter.

Foto: 2009 Ronald Puhle
FP-Kurzzeitsynchronisation
Hier wird oft vom Nachteil der einbrechenden Blitzlichtleistung gesprochen. Analog der Matrixmessung muss man festhalten: Hält sich der Fotograf an die Vorgaben des Kameraherstellers (große Blende, viel Licht und extrem kurze Belichtungszeiten) kommt es nicht zu dem “Leistungsabfall”. Warum nicht? Man darf den Ablauf nicht mit dem klassischen Blitzen bei voll geöffneten Kameraverschluss vergleichen. Nehmen wir an, in diesem Modus wäre für die optimale Belichtung eine Blitzenergie von 10 Joule erforderlich. Dann wird sie in einem Blitzlichtimpuls abgegeben. Bei der FP-Kurzzeitsynchronisation würde sie stattdessen zum Beispiel auf 5 Blitze a 2 Joule oder 10 Blitze a 1 Joule verteilt werden. Einfach formuliert: Die Summe der Blitzenergie über die Zeit ist entscheidend. Natürlich kommen noch ein paar Blitze hinzu. Denn die FP-Kurzzeitsynchronisation beginnt vor dem Öffnen des Kameraverschlusses und endet erst nach dem vollständigen Schließen. Und genau hierin liegt das Kräftezehrende.
Wie wir die 3D-Color-Matrixmessung für unsere Zwecke bei der Belichtungsmessung “missbrauchen”, tun dies andere Fotografen mit der FP-Kurzzeitsynchronisation. Hintergrund ist das “Einfrieren” schnell ablaufender Vorgänge unter eher ungünstigen Lichtbedingungen. Daran ist nichts auszusetzen … nur muss man sich wieder der Arbeitsweise bewusst sein und dementsprechend reagieren. In dem Fall heisst es zum Beispiel einen kürzeren Abstand zum Vordergrundmotiv wählen oder die Empfindlichkeit erhöhen.

Foto: 2009 Ronald Puhle
Zusammenfassung
Obwohl im Hintergrund mehrere Nikon-Fotografen und ihre Erfahrungen in das Buch eingeflossen sind, kommen immer wieder neue Sichtweisen hinzu. Den einen oder anderen Aspekt hätten wir so konkret benannt zusätzlich ausarbeiten können. Es ist aber müßig im Nachgang darüber zu philosophieren. Wenn es konkrete Fragen und Anregungen gibt, stehen wir auch weiterhin Rede und Antwort. Vielleicht folgt bald das nächste Update. Bis dahin wünsche ich den Lesern den Mut zum kreativen Spiel und das eine oder andere Soll, Muss oder Darf ganz bewusst beiseite zu lassen …
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Dezember 27th, 2009 at 16:03
[...] Puhle hat auf seinem Blog ein inoffizielles Update zu seinem Buch “Nikon Systemblitz Technik” veröffentlicht. In dem Beitrag geht er noch [...]