Sie lesen einen Beitrag des Bild- und Worthandwerkers Ronald Puhle (Berlin)
Thursday, September 02, 2010 23:46

Tag 65

Langsam aber sicher wird es Ernst: Das Jahr 2009 geht dem Ende entgegen. Auch wenn mein individueller Jahresrückblick noch aussteht, so ziehe ich bereits innerlich Bilanz. Obwohl die meisten Leute mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt sind, so dominieren derzeit viele Gespräche meinen Tagesablauf.

Ich bin ein kommunikativer Mensch, der allerdings ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem verbalen Geben und Nehmen erwartet. Das schränkt natürlich den potentiellen Kandidatenkreis gewaltig ein, doch ich hasse zur Zeit nichts mehr, als stundenlanges dumm schwätzen. Schade um die dadurch verlorene Zeit.

Eine ehemalige Klassenkameradin meinte vor ein paar Monaten zu mir, dass sie schon damals wusste, dass mal was “Besonderes” aus mir wird. Sie meinte damit insbesondere meine Autorenaktivitäten. Glücklicherweise kann sie nicht in mein Inneres blicken um zu erkennen, was das “Besondere” für Spuren in meiner Seele hinterlassen hat. Denn gerade die Ergebnisse der letzten beiden Jahren waren wohl eher die Resultate einer vorangegangenen Niederlage.

Doch ich versuche darin auch etwas Positives zu sehen. Mehr denn je hinterfrage ich, überwinde den Schein um einen freien Blick auf das Sein zu haben. Vieles wirkt dadurch noch armseliger als vorher … noch leichter durchschaubar. Auf der anderen Seite bin ich entsetzt, wie dem Wort oder Bild nicht den gebührenden Respekt entgegen gebracht wird. Ich habe den Eindruck, man ist sich in der Masse der Macht von Bildern und Worten nicht mehr bewusst.

Wer glaubt, in der Malerei oder Filmfotografie steckt mehr Realität als im digitalen Bild, der irrt gewaltig. Schon immer hat der Mensch jede Form der Abbildung dazu genutzt, den Gegenstand … das Motiv in seiner Sichtweise zu idealisieren. Die Absicht ist eindeutig und mehr als legitim. Doch das geschaffene Bild geht über die Eindeutigkeit hinaus. Es lässt die Umkehrung zu. Weshalb nutzt also der aussenstehende Betrachter nicht seinen Instinkt, um hinter die Fassade des Abbildenden zu schauen?

Dasselbe gilt für das gesprochene und geschriebene Wort. Ich kann viel erzählen und sagen, solang wie der Tag ist. Doch das Tun und Handeln ist das bestimmende Moment. Für mich gewinnt eine Aussage erst in diesem Punkt an Bedeutung. Alles andere ist Makulatur. Anders formuliert: In einem ernsthaften Gespräch muss ich die Absicht dahinter ansatzweise erahnen … besser wissen, um eine Aussage überhaupt wichten zu können.

Das klingt nach “unnötig kompliziert”. Ich glaube jeder Mensch bewertet unter normalen Bedingungen Dinge instinktiv. Wenn ein Versicherungsvertreter oder Abonnementverkäufer ungefragt an der Haustür klingelt, wissen 99% der Heimgesuchten um was es geht. Also üben sich die Besagten im Tarnen und Täuschen. Egal ob man etwas gewonnen hat, umsonst dazubekommt oder ein vergammeltes Blümchen überreicht wird: Spätestens beim leisten einer Unterschrift schrillen die Alarmglocken … sollten sie Großalarm auslösen.

“Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” mag zwar aus marketingstrategischen Gründen sehr wertvoll sein, aber ist man sich der großspurig angelegten Kernaussage überhaupt bewusst? Bis genau zu diesem Punkt besteht dieser Artikel aus über 400 Worten. Ich müsste als weitere 601 Worte hinzufügen, um dem markigen Spruch gerecht zu werden. Darf ein Bild in seiner Aussage nicht nur aus drei wirklich ernst gemeinten Worten wie “Ich liebe Dich” bestehen? Ist in dem Fall weniger nicht doch mehr wert?

Deutlich leichter tun wir uns mit eindeutig Zweideutigem. Und so möchte ich diesen eher philosophischen Tagebucheintrag zum vierten Advent nach ca. 500 Worten betont zweideutig mit einer Skulptur als Phallussymbol beenden … damit es quasi jeder versteht! :D

Berlin Marzahn, Park am Freitzeitforum

Foto: 2009 Ronald Puhle

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