Sie lesen einen Beitrag des Bild- und Worthandwerkers Ronald Puhle (Berlin)
Thursday, September 02, 2010 23:45

Feedback einer Nacht

Die Woche fängt wirklich gut an: Doug Wade hat sich in seinem Blog zu meinen Lichtmalereien geäußert. Seine Light Paintings mit Maria gaben mir unter anderem den Input, meine “Schaffenskrise” nach drei Buchprojekten in zwei Jahren zu überwinden. An der Stelle möchte ich auch nicht verheimlichen, dass der Traumtanz von Tilla Pe so etwas wie die Basis gelegt hat.

Mein Englisch ist nicht so prall, dennoch glaube ich herauszulesen, dass seine Kritik durchaus positiv ist. Nachdem meine Lichtmalereien online zu sehen waren, hatte ich Doug einfach angeschrieben und ihm von meinen Ansätzen berichtet. “Normalerweise” sind die Reaktionen anderer Fotografen eher verhalten … oder sie bezichtigen einen des Plagiats. Doch in seiner Antwort gab es ein kurzes, aber positives Feedback. Ich glaube, aus Sicht des Motivs gibt es nicht viel neues, was der Fotograf mit seiner Kamera festhalten kann. Das Neue oder Andere liegt einfach in der Sichtweise: Wie vermischt er oder sie die Zutaten Licht, Modell und Kameraeinstellungen.

Für die nächste morgendliche Überraschung am Montag sorgte Michael K. Trout. In einem Kommentar zu den Lichtmalereien stellt er für mich interessante Fragen, unter anderem: Liegt es vielleicht daran, daß einmal eine emotionale Brücke geschaffen wurde und dann wieder der Techniker spricht? Bis zu dem Moment war es mir nicht so bewusst, doch er hat damit genau den “wunden” Punkt getroffen, der in mir zur Zeit abgeht. Die Aufnahmen mit Franziska waren für mich ein unbekümmertes Aufspielen. In den beiden Serien mit Amira und Marco überwiegt gedanklich wie emotional der Techniker in mir.

Meine Äußerungen mögen banal und Michaels Ausführungen “abgefahren” klingen. Für mich kamen sie genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn ja, ich habe mich nach den Aufnahmen zu sehr mit der Technik verzettelt und weniger meine Emotionen sprechen lassen. Sicherlich sind die Aufnahmen für mich damit nicht weniger wertvoll. Vielmehr betrachte ich sie als einen Entwicklungsschritt, den ich zur Zeit aktiv und vor allem bewusst erlebe. An der Stelle möchte ich ebenfalls erwähnen, dass der Blog von Michael K. Trout für mich zur Zeit ein wichtiger virtueller Anlaufpunkt ist. Seine Kleine Fotoschule bestätigt nicht nur eigene Erfahrungen, sie liefert mir genauso neue … andere Denkansätze.

Um vielleicht etwas besser zu beschreiben, worum es mir im Inneren geht und was mir an der Mainstream-Fotografie fehlt, möchte ich eine Brücke zum “Perfekten Belichtungsbuch” eines englischen Buchautors schlagen. Ich wollte in diesem Blog eine Rezension darüber schreiben. Doch ich habe damit meine Probleme. Aus technischer Sicht gibt es nichts an dem Titel auszusetzen. Was mir darin fehlt ist der Leitfaden, wie der Leser die Erkenntnisse eher intuitiv in bessere Ergebnisse umsetzt. Oder ketzerisch gefragt: Wie kann das “perfekt” belichtete Foto die bessere Aufnahme sein?

Beim Lesen des Buches habe ich den Eindruck, dass allein das Histogramm der Schlüssel zum Erfolg ist. Aus meiner bescheidenen Sicht halte ich den Ansatz für falsch. Der Fotograf sollte den von ihm anvisierten Ausschnitt so interpretieren, wie er ihn sieht und als Stimmung zum Betrachter transportieren möchte. Das hat nichts mit Perfektion zu tun, sondern ist für mich eine mentale Einstellungsfrage. Und genau an der versuche ich mich derzeit daran zu arbeiten … :D

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3 Responses to “Feedback einer Nacht”

  1. Michael K. Trout Says:

    Ronald, Du ahnst nicht, wie oft ich mir selbst schon diese Frage gestellt habe.
    Mit den Jahren habe ich dann eine Art Frühwarnsystem entwickelt. Etwas in mir löst Alarmsirenen aus, wenn ich die Technik über die Emotion stelle. Mehr sogar … ich nähere mich allen Menschen vor meiner Kamera mittlerweile sehr emotional, um deren Geheimnisse zu entdecken. Natürlich schreckt das viele Menschen ab und sie wollen nicht vor meine Linse. Aber das ist in Ordnung, weil es auch ein Selbstschutz für mich geworden ist. Der Mensch, der sich nicht entdecken lassen will, ist nicht gut für mich. Eine einfache Regel. Und es funktioniert!

    Ich habe versprochen, das ganze Thema einmal etwas näher und tiefer zu beleuchten. Keine Ahnung, wie und wann ich dazu kommen werde. Aber in 2010 wird sich dazu bestimmt eine Gelegenheit ergeben. Vielleicht komme ich aus meinem Amazonasdelta für kurze Zeit zurück und veranstalte ein Foto-Camp. Wer weiß … 2010 ist noch lang ;-)

  2. kampffussel Says:

    hallo michael,
    jetzt wird mir die sache langsam unheimlich … aber im positiven sinne. gestern habe ich an meinem jahresrückblick geschrieben, in dem ich dich explizit erwähne. er mag für gelegenheitsleser des blogs befremdlich klingen, doch ist meine rückschau ein ganz anderer blick auf die letzten 356 tage des jahres. ;)
    bzgl. des umgangs mit dem modell und einer gewissen emotionalen bindung sehe ich es genauso. ich kann mit leuten viel besser zusammenarbeiten, mit denen ich “warm geworden bin”. die ergebnisse sind völlig anders … man sieht es förmlich, wie wir in den fotos aufeinander zu gehen. dennoch versuche ich immer noch eine gewisse distanz zu lassen … es geht “nur” um fotografie (um missverständnisse zu vermeiden)! ;)

    grundsätzlich unterlasse ich es mit leuten zusammen zu arbeiten, die mir unsympathisch sind und wo man sich nichts zu sagen hat. die ergebnisse sind einfach emotionslos und nichts sagend. dafür möchte ich keine zeit verschwenden …

    was du zu (d)einem foto-camp geschrieben hast klingt interessant … wobei es sicherlich eher eine gesprächsrunde als ein rudelschießen werden wird … was auch gut ist. :) ich bin auf alle fälle gespannt … :D

    PS: meinen jahresrückblick werde ich einfach mal unverändert lassen und in ein paar tagen so online stellen … ;)

  3. Michael K. Trout Says:

    ach, das mit dem Foto-Camp war doch nur eine fixe Idee. Jetzt richte ich erst mal meine Bananenblatthütte ein, mache mich an die anliegenden Aufträge und dann werden wir mal sehen, was da noch an Zeit übrig bleibt. Zudem entstehen gerade einige Projekte, die sich in immer größere Formate hinein bewegen.
    So ganz nebenbei arbeite ich an einer Betrachtung des “fotografischen Surrealismus”, der unmittelbar mit meinen Kunst-Aufträgen zu tun hat.

    Es ist schon seltsam, in der Zeit der Auftragsfotografie war ich an enge Vorgaben gebunden … jetzt mache ich in Kunst und bekomme Aufträge, bei denen ich die Grundlagen selbst erarbeiten muß und darf. Mittlerweile ist es so, daß ich mehr forsche und Grundlagen erarbeite, als mit der Kamera umgehe. Trotz der erheblichen Umstellung macht es viel Spaß, das gesammelte Wissen einzusetzen und zu ergänzen. Möglicherweise wird daraus tatsächlich ein Foto-Camp als Nebenprodukt.

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