Sie lesen einen Beitrag des Bild- und Worthandwerkers Ronald Puhle (Berlin)
Friday, September 03, 2010 00:00

Der AXE-Effekt zwischen Dichtung und Wahrheit

Das wahre Leben bröselt bei mir so vor sich hin. Jeden Tag zählt die Lebensuhr einen Takt weiter, genauso muss ich mehr und mehr Abstriche bei den Idealen machen. Zugegeben, ich bin weder bibeltreu noch ein zutiefst moralischer Zeitgenosse. Dennoch versuche ich daran zu glauben, dass die Menschheit irgendwelche Werte ihr eigen nennt, woran es sich lohnt, mal mehr oder weniger dran festzuhalten. Doch jetzt ist auch die letzte Bastion gefallen: Sex sells ist auch nicht das, was es mal war.

Meine alternde Gesichtshaut möchte nach der morgendlichen Haarentfernung nicht mehr mit schnöden Rasierwasser beruhigt werden. Ich benötige einen Balm … also die Kurzform des Balsam. Bisher schmiss ich mir teure wie beruhigende Cremes a la Antaeus von Chanel in die Falten. Zumindest fühlte sich meine Pfirsichhaut davon nicht provoziert und quittierte mir die Unachtsamkeit mit Hautirritationen. Stattdessen meldete sich immer wieder meine Geldbörse zu Wort, denn die schmierigen Wässerchen sind nicht gerade billig.

In der pünktlich zum Wochenende im Hausbriefkasten landenden Werbung bot eine Drogeriekette ein ebenfalls für sensible Männerhaut geeignetes Balsam zum Aktionspreis an. Da konnte und durfte ich natürlich nicht nein sagen. Vor dem Regal stehend entnahm ich der Verpackung, dass SIE nach der Anwendung dieser Lotion nicht mehr davon lassen kann, meine Haut zu berühren. Gesagt und getan: Der Flacon landete im Eingangskorb und ich konnte den Montag nicht mehr erwarten. Um meine sensible Gesichtshaut zu schonen, verzichte ich seit Jahren darauf, mich am Wochenende, im Urlaub oder während der Krankschreibung zu rasieren.

Wie jeden ersten Werktag nach einer Rasierpause kratzte ich die lästigen Stoppeln aus meinem Gesicht. Da meine Angetraute noch seelenruhig im ehelichen Gemeinschaftsbett schlummerte, musste ich die “SIE”-Wirkung des AXE-Balm in der Strassenbahn testen. Ich setzte mich auch gleich direkt neben eine junge Frau und lächelte sie breit grinsend an. Doch statt mir ins Gesicht zu fassen und sich lasziv an meinem Oberschenkel zu reiben, drehte sie sich ab und nippte an ihrer Henkeltasse. Die Dinger sind auch so eine Unsitte wie das Bier trinken in der Tram. Ein ordentlicher Bremser und die Brühe landet bei meinem Talent auf der Hose.

Nachdem ich bei der jungen Frau mit ihrem frisch geschwärzten Haar und einer von der Sonnenbank strapazierten Haut abgeblitzt bin, setzte ich mich neben eine Dame in der Kategorie “Älteres Semester”, Gattung “Familienplanung biologisch bedingt abgeschlossen”. Wieder legte ich ein unwiderstehliches Lächeln auf und hoffte, wenigstens im höheren Semester punkten zu können. Doch auch bei der Mottenkugel versagte der Grabsch-Effekt. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Schon beim Deo-Spray desselben Herstellers war nichts so, wie in der TV-Werbung zu sehen. Damals dachte ich, die Fehlwirkung sei auf mangelnde Körperhygiene zurückzuführen. Nach vier warmen Wochen kann Mann ohne regelmäßige Duschapplikation unangenehm riechen.

Da ich nun ein zweites Mal auf die Werbebotschaften von Unilever hereingefallen bin, habe ich überlegt, das Unternehmen wegen notorischer Irreführung zu verklagen. Doch dann las ich auf Allwissend Wikipedia, dass die Zielgruppe der Marke AXE bei 12 bis 29 Jahren liegt. Doch der bin ich erwiesener Maßen um gefühlte 100 Jahre entwachsen. Also wird es wohl nichts mit einem Millionen Dollar Geldsegen, wenn ich die Klage in den USA eingereicht hätte. Schade, dann muss ich mir eben ein anderes Opfer suchen … :evil:

Skulptur im Schlosspark Sanssouci - Chinesisches Teehaus

Foto: 2009 Ronald Puhle

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2 Responses to “Der AXE-Effekt zwischen Dichtung und Wahrheit”

  1. hombertho Says:

    Das kommt mir irgendwie bekannt vor :-) Von dem Axe Effekt habe ich bis jetzt auch noch nichts gemerkt, aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht mehr in die Zielgruppe falle und im alter knapp darüber bin. Aber ich finde die Axe Produkte riechen schon sehr gut und finde es auch nicht schlimm, dass es keine Frauen anzieht :-D
    Viele Grüße
    Thomas

  2. kampffussel Says:

    @ humbertho: wenn man(n) knapp über das alter der zielgruppe hinweggeschossen ist, dann mag es ja noch gehen. ich steuere auf die fünfzig zu und da interessieren sich die wenigsten jungen frauen für einen …. nur noch das ältere semester. und deshalb greift der dicke alte mann (ich) nach jedem strohhalm … :D

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