Ich habe lange auf diesen Moment gewartet
Hinter einem guten Foto stecken mindestens zwei Geschichten. Eine davon erzählt sich der Betrachter selbst. Die andere ist jene, die der Fotografierende erzählen kann. Ich möchte meine Geschichte zu diesen Aufnahmen erzählen …
Seit Anfang 2007 fühle ich mich in meiner Haut nicht wirklich wohl. Nachdem ich für mich selbst beschlossen hatte, einen Schlussstrich zu ziehen und mein Ansinnen nach hinten losgegangen ist, musste ich mir auf andere Art und Weise “weiterhelfen”, mit den schmerzlichen Erfahrungen umzugehen. Ich wandte mich mehr und mehr vom Artikel schreiben für Fotofachzeitschriften ab und tobte mich in der Folgezeit an drei Buchprojekten aus. Die Arbeit an den Projekten hat sicherlich dazu beigetragen, dass die trüben Gedanken aus meinen täglichen Denkprozessen verschwunden sind. Den so erzielten Gemütszustand als Himmel hoch jauchzend oder gar lebensbejahend zu bezeichnen, wäre jedoch glatt gelogen.
Meine selbst auferlegte Schocktherapie zeigte auch auf anderer Ebene ihre Wirkung: Neben einer chronischen Ideenlosigkeit gesellte sich ein kreatives Burn out dazu. Den Nährboden bildet sicherlich mein seelisches Ungleichgewicht. Harmoniesüchtig wie ich nun einmal in Sachen Privatleben bin, geht es mir nicht aus dem Kopf, Werte fixiert und geistig von Heute auf Morgen kastriert worden zu sein. Ich schaue heute in den Spiegel und sehe ein wracktales Etwas, dass ich eigentlich nicht sein möchte oder sein müsste. Es stellt sich für mich die Frage, wie ich den Teufelskreis durchbrechen kann.
Bei allem Negativen ist mir eines klar geworden: Ich muss nicht meinen Körper befriedigen. Daran hat es glücklicherweise nie gelegen. Stattdessen muss ich meinem Geist ein Aufputschmittel geben. Schon nach dem RAW-Buch stand mir der Sinn danach, etwas anderes als das Normale zu tun. Sicherlich ist das, was unter den Bewegten Lichtern herausgekommen ist im Sinne des fotografierten Motivs und dem erzeugten Abbild nicht neu, vielmehr ist es mein definitiver Ausbruch aus dem Perfekten: Perfekte Fotos, das perfekte Glück oder die perfekte Ehe. Beleuchte ich aktiv wie passiv als auch gezwungener Maßen das Fundament dieser Idee, dann ist Perfektion das Produkt aus Illusion und Scheinwelt. Ich weiss nur noch nicht, ob im Quadrat oder einer höheren Ordnung.
Obwohl ich mich bei den Bewegten Lichtern wie ein kleiner Junge über die Ergebnisse gefreut habe und eine wiedererlangte Unbefangenheit verspürte, fehlte mir das Gefühl der gewissen Vorfreude, der inneren Anspannung was geschieht … eben das berühmte Kribbeln im Bauch. Für mich war einfach vorherzusehen, was im späteren Bild geschehen wird. Ich musste nur noch die Resultate danach aussieben, was in meinen Augen zeigbar ist und was nicht. So wie ich versuche, endlich eine neue Linie in mein Leben zu finden, fehlt mir der leitende Gedanke bei den Bewegten Lichtern.
Unbewusst liefert Tilla Pe mit ihrem Traumtanz den ersten Denkansatz. Auf den ersten Blick tat ich das Foto als zu chaotisch ab. Doch der gute Ronald in mir hat auf meine Schulter geklopft. Ich betrachtete dasselbe Foto an meinem bildbearbeitungsuntauglichen Zweitmonitor und das Chaos löste sich vor mir auf. Tilla hat ein für mich geniales Bild geschaffen, dass ich sogar bereit wäre, mir an die Wand zu hängen. Leider lässt meine Portokasse das nicht zu.
Es vergingen ein paar Monate und ich kam mit Helena, einer Einsteigerin in Sachen Fotografie ins Gespräch. Irgendwie fiel das Thema Langzeitbelichtung und ich erzählte ihr von meiner Idee. Eigentlich waren es zu dem Zeitpunkt für mich nur wirre Gedanken, die jedweder Präzisierung entbehrten. Dennoch spürte ich in mir den Entschluss reifen, das Thema endlich aufzugreifen.

Foto: 2009 Ronald Puhle
Was nach Chaos und “nur mal so vor sich her bewegt” aussieht, ist in Wirklichkeit ein generalstabmäßig durchgeführtes Shooting. Während der Belichtungszeit von fünf Sekunden gab ich verbal den Takt vor und Modell Darkmina folgte entsprechend unser vorherigen Absprache. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Was mich am meisten fasziniert ist die Tatsache, dass die Bewegungsunschärfe in einigen Momenten so viele Details enthält, die der Betrachter für sich entdecken kann. Dazu muss er beziehungsweise sie sicherlich erst einmal bereit sein, wie ich es in Tillas “Traumtanz” getan habe.

Foto: 2009 Ronald Puhle
Das Shooting mit Darkmina war für mich in vielerlei Hinsicht etwas altes Neues. Nach Jahren habe ich für Personenaufnahmen wieder mit einem Stativ gearbeitet. Zwei oder drei Aufnahmen auf der Speicherkarte wurden die Ergebnisse am Rechner ausgewertet. Meine Fähigkeit, eine Idee bildlich zu beschreiben ist stark eingeschränkt oder ich neige zur Übertreibung. Also muss nach dem Trail & Error-Prinzip das angestrebte Resultat erreicht werden.
Am Ende landeten lediglich 52 Aufnahmen für ein fast vierstündiges Fotoshooting auf der Speicherkarte. Ein Negativrekord für mich, wenn der Leser bedenkt, dass ich normalerweise von einer Szene mehrere Fotos in unterschiedlichen Perspektiven schieße. Doch das ist in dem Fall zweitrangig.
Mit dem, was mit dieser Serie geschehen ist, habe ich mir mehr als nur einen eigenen Gefallen getan. Es war im Vorfeld eine gewisse Vorfreude, Anspannung und eben das Kribbeln im Bauch da. Ich habe mich auf ein Thema konzentriert und ausschließlich auf ein Ergebnis hingearbeitet. Für ein paar Stunden kam jene Leichtigkeit zurück, die mir irgendwie verloren gegangen ist. So werden die Aufnahmen für mich emotional betrachtet wohl immer etwas Besonderes … mein eigener “kreativer” Aufschrei … bleiben.
Tags: Akt, aktmodell, bewegte lichter, bewegung, bewegungsunschärfe, cross-processing, darkmina, engel, Fotoshooting, frau, geisterbild, kreuzentwicklung, Langzeitbelichtung, modell, nackt, ronald puhle, rot, tilla pe, traumtanz, tuch


Dezember 4th, 2009 at 11:54
[...] Wochen nach meinen ersten Versuchen mit Franziska konnte ich dort weitermachen, wo ich aufgehört habe. Diesmal standen Amira und Marco vor der [...]
Dezember 14th, 2009 at 08:18
Die Geschichten und die Bilder interessieren mich, wenn ich beides in Übereinstimmung bringen kann. Ideal ist die emotionale Reflexion.
Kann eigentlich ein Bild seine volle Wirkung entfalten, wenn dahinter keine Geschichte sichtbar wird? Bei den oben gezeigten Bildern kann ich leichter den Zugang finden, als bei den Bildern von Amira und Marco. Liegt es vielleicht daran, daß einmal eine emotionale Brücke geschaffen wurde und dann wieder der Techniker spricht?
Ein weiterer Gedanke entsteht: Brechen wir ab einem bestimmten Fertigkeits- und Wissensstand in Fotografie alles auf technische Werte herunter? Ist das ein bewußter oder unbewußter Prozess?
Da ich gerade aus Überlastung meine Mail-Funktion abgeschaltet habe, werden mir eventuelle Antworten entgehen. Trotzdem ist es eine Diskussion, die ich gerne ausgiebig führen möchte. Wie das gehen kann, ist mir noch unklar … aber ich überlege mir dazu noch etwas.
Dezember 14th, 2009 at 10:11
Danke Michael für dein Feedback … es hat für mich große Bedeutung!
Du triffst mit deiner Aussage voll ins Schwarze: Ja, nach den Franziska-Aufnahmen habe ich den Blick zu sehr in Richtung Technik gehen lassen … und leider nicht bemerkt. Ich glaube, dieser Schritt erfolgte bei mir eher unbewusst. Dennoch habe ich gemerkt, dass irgendetwas danach gefehlt hat … ich konnte es nur nicht für mich interpretieren.
Dein Angebot zur Diskussion nehme ich sehr gerne an und freue mich, daran teilzunehmen!
Dezember 17th, 2009 at 07:24
Ronald, genau hier sind wir an einem entscheidenden Punkt in der Fotografie angelangt. Der Umgang mit dem technischen Werkzeug verführt zum Reduzieren auf die Technik. Das kennt jeder Fotograf, bemerkt es aber zumeist nicht selbst. Ich ziehe mich immer dadurch “heraus”, daß ich plötzlich und auf einen Schlag aufhöre zu fotografieren … ganz bewußt und sogar für eine definierte Zeitspanne. Das ist schwer, wenn man von seinen Bildern lebt, funktioniert aber, wenn man es als “Instandsetzungsphase” begreift.
Wenn ich aus dem Jahresendstreß raus bin, fasse ich meine Gedanken zum Thema mal zusammen.
Dezember 17th, 2009 at 09:17
@ Michael: über die bewusste auszeit sollte ich mal nachdenken … ist sicherlich ein gutes mittel, danach wieder mit mehr “emotionen” zu fotografieren