Sie lesen einen Beitrag des Bild- und Worthandwerkers Ronald Puhle (Berlin)
Thursday, September 02, 2010 23:55

Was von mir noch übrig ist hat nur mit Dir zutun*

Mir fällt es via Internet deutlich leichter Mitmensch einzuordnen, die in irgendeiner Form fotografieren. Beinahe ideale Voraussetzungen sind, wenn sich Kollege oder Kollegin Knipser dazu auch noch verbal auslässt. Diese Ansicht wurde für mich auch durch Susan Sontags “Über Fotografie” bestärkt. Unlektorierte Worte allein sind die idealen Überträger der Lüge.

Zugegeben, das Internet strotzt vor Bildchen, die keiner weiteren Ausführung bedürfen. Ich nehme da meinen Muschitoaster.de nicht aus. Einiges gehört in den Giftschrank und nicht der Öffentlichkeit gezeigt. Nun ist es nicht so, dass oft nur ein oberflächlicher Blick genüg, um in die Seele des Fotografen zu blicken. Er beziehungsweise sie muss schon offen und ehrlich Ausführungen zu der jeweiligen Arbeit machen. Das möchte ich im nachfolgenden Fall machen.

Oftmals gibt es unmittelbare Wechselwirkungen zu Ereignissen, die im Großen wie auch im privaten Umfeld geschehen sind und sich indirekt in der Aufnahme widerspiegeln. Ein Bild mit Tiefgang erklärt sich nicht durch bloses Betrachten. Das Hilfsmittel Bildtitel mag einen Denkansatz geben, doch auch hier lässt sich bewusst wie unbewusst die “Wahrheit” verschleiern …

Modell Jana sticht sich eine Reißzwecke in die Brust

Foto: 2009 Ronald Puhle

Die Idee zu dieser scheinbaren Reisszwecken-Tortour an meinem Modell kam mir vor ca. fünf Jahren. Sie war für mich völlig unbewusst initiiert und eher als Gag gedacht. Bis heute kann ich nicht sagen, wes Geistes Kind ich war oder ob eine Bildidee mich dazu angestiftet hat. Vielleicht kam auch im Unterbewusstsein mein gespaltenes Verhältnis zu meiner Mutter zum Tragen. Keine Ahnung …

Mit der ersten Version völlig unzufrieden, wollte ich immer wieder einen neuen Anlauf nehmen. Nach einem privaten Fiasko hatte ich jedoch meine Schwierigkeiten, die Idee noch einmal aufzugreifen und möglichst vernünftig umzusetzen. Was im zweiten Wurf herausgekommen und oben zu sehen ist, befriedigt mich keinesfalls. Den “scheinbaren” Schmerz beim Zustechen der Reißzwecke assoziiere ich mit besagten privaten Problemen … sogar mit körperlicher Gewalt. Noch immer verspüre ich den Wunsch, das was geschehen ist mit einer Ohrfeige abzugelten und dem weiteren Beteiligten die Eier abzureissen. Keine Angst Herr angesprochener Bildjournalist: Ich habe mich in dem Punkt unter Kontrolle, lasse mich nicht auf ihr Niveau herunter und meiner Einer darf ja auch Träume haben … :evil:

Normalerweise neige ich dazu, Gegensätzliches zu inszenieren. Demnach hätte das Modell lächeln können … oder so etwas ähnliches, was ich nicht direkt mit Schmerz in Verbindung bringe. Auf der anderen Seite scheint es genügend Mitmenschen zu geben, die in der rohrstöckigen “Erziehung” einer Domina ihre Freude oder gar Befriedigung finden. Damit wäre mein Ansinnen hinfällig. Oder stehe ich, ohne es eigentlich zu wissen, selbst auf solche “Abnormitäten”?

Mal abgesehen von der fragwürdigen Inszenierung und wenig durchdachten Interpretation muss ich gestehen, dass trotz einer gewissen äußeren Leichtigkeit meine inneren Gedanken tendenziell dunkel und depressiv sind. Eigentlich sollte oder müsste ich doch zufrieden sein: Im Spaßfaktor Nebenberuf geht es voran inklusive einer gewissen Anerkennung der ertippten Leistungen. Und nach dem Bekunden meiner Angetrauten zu urteilen, ist alles wieder “schick”. Trotzdem gelingt es mir nicht, eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Dingen wiederzuerlangen.

Um dem Ganzen eine gewisse Harmonie einzuflößen, zwänge ich die Szene ins Mittelformat. Die Ausleuchtung an sich hätte härter ausfallen können, was wiederum meiner inneren Gemütslage entspricht. Stattdessen setze ich die Szene Mainstream-Like möglichst schattenfrei um. Nachdem alle drei Lichtquellen dafür verpulvert waren, fehlte mir ein vierter Studioblitz, um im Hintergrund mehr Raum zu schaffen. Also musste ich über die Belichtung und der Blitzenergie solch ein Gleichgewicht finden, dass die Haare des Modells sich minimal vom schwarzen Hintergrund abheben. Soviel zum Technischen drumherum.

Damit die Ausführungen nicht darin enden, dass ich der Aufnahme doch noch etwas Positives abgewinnen kann, möchte ich an der Stelle einfach einen Punkt setzen. Auch wenn die Aufnahme für den Betrachter nichts sagend ist, so hat die Entstehung als auch der Inhalt für mich mehr Bedeutung als vielleicht vermutet. Was mir nicht gelungen ist, diese Bedeutung in ein aussagekräftigeres Foto umzusetzen. Voller Respekt für Fotografen, die ihre Sicht, Gedanken und Emotionen umsetzen können, sehe ich mich genau deshalb nur als Knipser … :)

* Der Titel ist eine Phrase aus dem Titel Susej der Einstürzenden Neubauten

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