Tag 61
Seit drei Monaten wird mir die große Ehre zuteil, mehr als die doppelte Fahrzeit zu benötigen, um den Tag in meinem neuen Büro zu verbringen. Was sich ganz früher einmal AEG, später früher KWO nannte, heißt heute HTW und ist der Campus Oberschöneweide. Die längere Fahrzeit nehme ich gelassen hin. Sie ermöglicht es mir, länger Musik zu hören und dabei meine Gedanken schweifen zu lassen. Was mir stattdessen auf den Magen schlägt, ist die Niveaulosigkeit eines Beförderungsmonopolisten bei der Erfüllung seines Versorgungsauftrags.
Fünfmal in der Woche reise ich vom Nordosten Berlins in Richtung beinahe Süden und wieder zurück. In Ermangelung einer Direktverbindung geht es zunächst in Richtung Innenstadt, um quasi in einem Coitus interruptus die Himmelsrichtung zu ändern. Bedingung ist, dass ich einmal umsteigen muss. Das ist für mich durchaus zumutbar und will mich deshalb an dem Fakt nicht weiter erregend reiben. Was mir jedoch das werktägige Glücksgefühl verhagelt ist die Taktzeit, mit der meine Tram des Vertrauens auf den Gleisen oszilliert. Die Pseudo-Direktverbindung direkt vors Eingangstor besteht alle zwanzig Minuten, wenn denn die Linie 27 auch wirklich fährt.
Seit Anfang Oktober bestürmen ein paar tausend Wissensdurstige unseren neuen Campus. Mit Wohlwollen nahm ich eine Info meines geliebten Arbeitgeber zur Kenntnis, dass der Tram-Linie 27-Betreiber die Taktzeiten erhöhen wird, um dem abzusehenden Ansturm Herr zu werden. “Frohlocket dem Herrn, das S-Bahn-Chaos und der Notfahrplan der BVG zeigt Wirkung. Der Berliner ÖPNV reagiert schnell und prompt auf eine neue Situation” dachte ich so bei mir. Doch die beiden Sätze waren noch nicht in mir zu Ende gedacht, schon wurde ich vom deutschen Geist und Denken auf den Boden der Tatsachen zurückbeordert.

Was Herr oder Frau Berliner Verkehrsbetriebe auf die Beine gestellt hat, war lediglich die Völkerwanderung der Neu-Oberschöneweider zu beobachten. Dazu wurde ein Wagen der “Betriebsaufsicht” an unserer eigenen Strassenbahn-Haltestelle ordnungswidrig abgestellt und fachmännisch wie fachfrauisch das Treiben beguckt. Ich kann mir vorstellen, dass die so abgestellten Beobachter ihre helle Freude daran hatten. Massen an Studenten und Mitarbeiter, fein säuberlich wie Ölsardinen nebeneinander gereiht, quetschen sich aus den Luken der kleinsten, in Berlin überhaupt verfügbaren Tram und wandern gemeinsam in Richtung Campus-Haupteingang.
Zweimal am Tag Gruppen kuscheln, einmal auf der Hin- und Rückfahrt, hat erstaunliche Konsequenzen auf mein ehepartnerschaftliches Verhältnis. Die Suche nach intimen Kontakt zu meiner Angetrauten wird durch das zweimalige Muss des dicht Beieinanderstehens in der Mini-Tram ersetzt. Noch mehr beinahe sexuelle Kontakte kann ich als mittelalter Mann hormonell nicht kompensieren. Diese Gruppenorgien sind wild und hemmungslos. In der mildwürzig bereitgestellten Beförderungseinheit spielt das Geschlecht keine Rolle. Ich muss nehmen was kommt, mich eng an meinen Fahrgemeinschaftspartner schmiegen, damit andere Nutzer beförderungstechnisch nicht benachteiligt werden. Zweimal am Tag notgedrungen Swingen, darunter leidet bei aller Fantasie meine Spermienproduktion ebenso wie das Erektionsverhalten.
Wirklich verwunderlich ist das kompetente Verhalten der BVGler nicht. Typisch deutsch wird erst einmal analysiert, ob es bei über tausend Studierenden und einer Handvoll Mitarbeiter überhaupt einen gesteigerten Beförderungsbedarf gibt. Als Außenstehender und völlig Ahnungsloser hätte ich vielleicht anders reagiert. Anstelle der kleinsten Beförderungseinheit schickte ich eine modernisierte Tatra-Tram mit Doppelwaggon in die Spur, um die Situation zwischen den Haltestellen HTW/Wilhelminenhofstrasse und U-Bahnhof Tierpark zu entspannen. Vielleicht ließe ich mich sogar zum Verdichten der Taktzeiten zu absehbaren Stoßzeiten am Morgen und Nachmittag ohne vorheriger Analyse hinreissen. Immerhin sind die Vorlesungs- und Dienstzeiten bekannt.
Der gewiefte und kompetente Tram-Koordinator sieht das in seiner unendlichen Weisheit natürlich anders. Er fährt sicherlich mit seinem eigenen PKW zur Arbeit und hat seinen Dienst-Parkplatz. Er muss den Herdentrieb der Arbeits- und Lernwilligen organisiert in Busse und Bahnen der Hauptstadt lenken, möglichst zum kleinen Geiz-Preis. Etwas Komfort und oder gar Sicherheit ist da nicht von Nöten. Im Gegenteil: Ist die Tram mit Reisenden vollgeknallt, kann bei einer Notbremsung niemand umfallen oder sich gar verletzen.
Die Wurzel des Übels ist aber nicht nur der Formalismus, der jede Flexibilität selbst bei vorhersehbaren Ereignissen zunichte macht. Es fehlt dem landeseigenem Personentransportunternehmen jene Beförderungskonkurrenz, die an Stelle des bürokratischen Aussitzen eines offensichtlichen Problems kurzentschlossen zeigt, was eigentlich unter dem Dienst am Kunden zu verstehen ist …
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