Gedankenfeuerwerk am Morgen
Dienstag, März 2nd, 2010Gerne nutze ich die morgendlichen Tram-Fahrt, um mir meine Gedanken zu machen. Der Kopf ist zu dieser Zeit nahezu leer und mir gelingt es, halbwegs unbekümmert zu denken. Heute morgen kam mir der Gedanke, Fotografie mit dem Fahrstuhl fahren zu vergleichen. Hintergrund sind Überlegungen zu einem Buchprojekt, mit dem ich seit längerer Zeit schwanger gehe. Ich möchte darin die Welt der Technik verlassen und den Dingen mehr Raum geben, die aus meiner Sicht das Knipsen zur Fotografie machen. Natürlich spielt Technik dabei eine Rolle. Vielmehr muss die Frage beantwortet werden, ist der Mensch Skalve oder Herr über die zahlreichen Knöpfe und Einstelloptionen.
Ich versuche mich an der Analogie Fotografie – Fahrstuhl fahren: Normal ist, dass wir uns mit einer geschlossenen Tür zwischen den Etagen bewegen. Wir drücken eine Taste für das Ziel und alles andere läuft fast vollständig automatisch ab. Ich muss nicht mehr die Tür aufziehen … mein Beförderungswunsch per Knopfdruck öffnet die Tür. Der ganze Ablauf ist sicher gestaltet und eine nette Frauenstimme gibt während der Fahrt zum Besten, wo ich mich befinde. Es spielt dabei keine Rolle, ob ich die jeweilige Etage vorher ausgewählt habe oder nicht. Das Liftgirl sagt mir sogar an, ob die “Türe öffnet” oder “Türe schließt”.
Wenn man tagtäglich den Fahrstuhl benutzt, kann einem das gesteigerte Kommunikationsbedürfnis der Beförderungsmaschine gewaltig auf den Kranz gehen. Jedenfalls geht es mir so. Irgendwann plabbere ich dieselben Sprüche nach oder kommentiere sie mit einem leicht bissigen Unterton. Wenn es nach mir geht, müssen die Sprach-Feature nicht sein und können getrost abgeschalten werden. Mit etwas Nachdenken entpuppt sich mein Gedanke als sehr egoistisch. Mich nerven die Ansagen doch nur, weil ich Sehen kann. Ein blinder Passagier ist auf diese Hilfen angewiesen. Er kann nicht sehen, ob sich die Tür öffnet oder schließt. Er kann am Display nicht sehen, auf welcher Etage sich das Treppen-Taxi herumtreibt. Der Blinde kann es nur erahnen, selten genau wissen. Um auf die Fotografie zurückzukommen: Ich versuche nachsichtig mit Jenen zu sein, die auf gegebene Automatiken angewiesen sind … obwohl sie nicht der Sehkraft beraubt sind.
Ich möchte nicht barrierefrei und derart sicher Fahrstuhl fahren. Das enge Kabuff an Seilen hat mehr zu bieten. Zumindest eine Seite bietet mir den freien Blick auf den Schacht und die vorbeiziehenden Etagen. Sie möchte ich sehen. Da spielt es für mich zunächst keine Rolle, auf welcher Höhe des Gebäudes ich mich befinde. Es spricht einiges dafür, dass ich an der Streckenführung meines Liftes nichts ändern kann. Obwohl die offene Tür ein gewisses Risiko in sich birgt, möchte ich mich der Gefahr aussetzen. Sie ist kalkulierbar und ich werde auch keine Harakri-Aktion starten. Ich liebe es dem Auf und Ab zuzusehen und das Geschehen auf meine Weise zu interpretieren. Das geschlossene Kabäuschen und die diktatorische Stimme des Liftgirls geben mir nicht diesen Raum …

Foto: 2009 Ronald Puhle
Mit einem zeitlichen Abstand gelesen, klingt der oben genannte Text wie eine Rechtfertigung. Ich muss mich rechtfertigen. Wer kommt im Normalfall auf den Trichter, über die Fahrstuhlansage und den Automatismus nachzudenken? Eher ist das Meckern über die Sinnfreiheit der Massnahmen wahrscheinlich. Mag unter tausend Fahrstuhlbeförderten nur ein Blinder sein, so hat die Technik für ihn ein gutes Werk getan. Wer kann es im sicheren Fahrkorb verstehen, dass ich hinter die Tür sehen möchte … den Wunsch nach Betongrau kontra Licht verspüre? Für den zeitweise Gefangenen sind das ungeheuerliche Gedanken … so etwas ist nicht Normal und gehört in die Geschlossene.
Mit dem nicht normal sein habe ich kein Problem und eine Geschlossene sah ich auch schon von Innen. Mein Problem mit der Rechtfertigung liegt einfach darin, dass ich das Unnormale auch in meinen Schreibwerken auslebe. Damit stelle ich mich einer kleinen Öffentlichkeit, die wiederum zum Großteil das sichere Fahren mit dem Fahrstuhl erwartet. Ich versuche Nachsicht mit Ihnen zu üben, möchte sie im besagten Buchprojekt aber an die Hand nehmen und zeigen, dass es hinter der Tür spannende Dinge zu entdecken gibt. Das Ansinnen wird nicht von Jedem verstanden …
Am Anfang hat mein Verlag mit einer eher sparsamen Inhaltsbeschreibung zum letzten Buchprojekt bei Amazon geworben. So etwas weckt Erwartungen, die ich mit meiner gewünschten Art Fahrstuhl zu fahren nicht erfülle. Ich kann und möchte nicht den sicheren, aber blickdichten Käfig bieten. Das steht in den Handbüchern und wäre verschenkte Zeit, ihn für ein Buch umzuschreiben. Frei nach dem Motto: Die gute alte Zeit. Früher versperrten oft nur Gitter den Rundum-Blick des Passagiers. Es gab sogar Paternoster, die beim Ein- und Aussteigen eine gewisse Wendigkeit erforderten. Mein Wunsch ist gar nicht so weit hergeholt, passt eben nur nicht in die “sichere” Zeit. Auch dafür muss man sich offenbar erklären …
Nachtrag
Manchmal machen mir meine frei herumlaufenden Gedankengänge schon etwas Angst …
















