Friday, September 10, 2010 18:36

Archive for the ‘Einsichten’ Category

Die Geschichte des A’lfi Hartkor *

Freitag, September 3rd, 2010

oder … Wie Graf Schaf auszog, das genüssliche Fressen für sich wieder zu entdecken!

Nachdem A’lfi, auch Graf Schaf genannt, den Kinderschuhen entwachsen war und fortan auf seinen eigenen vier Beinen zu stehen hatte, beschloss der vierbeinige Blaublüter sich der Herde “Das genüsslich fressende Schaf” anzuschließen. Wie es alle Schafe dieser Gemeinde taten, kaufte sich A’lfi bei einem anderen Schaf ein gebrauchtes, aber dennoch gut funktionierendes Gebiss. Und so stand A’lfi in Mitten aller anderen Schafe, ein zusätzliches Gebiss in seinem Maul und erfreute sich am genüsslichen Fressen.

Einmal in der Woche kam der Schäfer vorbei und präsentierte der stetig wachsenden Herde neue Gebisse. Jedes mal gab es neue Beiss- und Kau-Feature zu bestaunen. Nach Aussage des Schäfers braucht A’lfi sie unbedingt, um überhaupt erst genussvoll fressen zu können. Dann war da noch Peer, der Hütehund des Schäfers. Peer ist zwar wie A’lfi ein Vierbeiner, doch er versteht es die Wünsche seines Herren mit allen Mitteln zu erfüllen. A’lfi fühlt sich dadurch so unter Druck gesetzt, dass er wie jedes andere Schaf Woche für Woche ein neues Gebiss beim Schäfer kauft.

A’lfi ärgerte sich über den suggerierten Zwang, seine wertvolle Schafwolle für ein neues Gebiss herzugeben. Sein Fell kann nicht so schnell wachsen, wie es der Schäfer und sein Hütehund gerne hätten. Eigentlich sollte es A’lfi besser wissen. Damals, in seiner Lammherde “Hartkor” hatte er das genüssliche Fressen auch ohne neumodisches Zweitgebiss und mit seinen eigenen Zähnen gelernt. Mehr und mehr besann sich A’lfi darauf und begann am Schäfer zu zweifeln.

Obwohl die Herde der genüsslich fressenden Schafe vom Schäfer alle mit demselben Gebiss ausgestattet wurden, gab es dennoch unterschiedliche Kautechniken. So gab es die Horden der links- und rechtskauenden Schafe. Doch die meisten Schafe vertrauten auf die mahnenden Worte des Schäfers: “Ihr müsst in der Mitte euer Gras kauen. Nur dann könnt ihr immer und überall das Gras fressen und habt immer denselben Genuss. Dafür haben wir euch doch auch das neue Gebiss entwickelt.”

Eines Tages stand A’lfi plötzlich abseits der Herde hinter einem Hügel. Er schwelgte in Erinnerungen, als das Gras auf der Wiese seiner Hartkor-Herde irgendwie anders schmeckte. A’lfi nahm sein Gebiss heraus und zupfte vorsichtig mit den eigenen Zähnen am Grün. Er probierte es erst rechts, dann links und zum Schluss in der Mitte seines Mauls zu kauen. Obwohl das Gras am Hügel ihm nicht wirklich schmeckte, fühlte sich A’lfi ermutigt mehr auszuprobieren. Er ging an den Bach, der leise säuselnd vor sich hin plätscherte und versuchte es auf dieselbe Weise. Schnell merkte A’lfi, dass das saftige Gras hier ganz anders schmeckt. Er setzte sein Gebiss ein und hatte prompt jenen faden Geschmack in seinem Maul, dem A’lfi mittlerweile überdrüssig war.

Derart angestachelt trottete A’lfi zur großen Sandkuhle. Hier weiden die großen Schafe der genüsslich fressenden Herde. A’lfi ist mutig, nimmt wieder sein Gebiss heraus und probiert es nach allen Regeln der Kunst. Irgendwie schmeckt das Gras hier bitter und ist für ihn auf Dauer ungeniessbar. Nebenbei hörte er den Anführern der links-, rechts- und mittekauenden Schafe zu. Was sie ihren Anhängern zu erzählen haben scheint A’lfi unter den neuen Eindrücken stellenweise falsch zu sein. Woher sollten es die Leitschafe auch anders wissen? Sie klebten förmlich an den Lippen des Schäfers und halten die Beschreibung zu ihrem neuen Gebiss wie der Pastor seine Bibel in den Klauen. Beide, der Schäfer und sein Hütehund, haben offensichtlich ganze Arbeit geleistet.

Die Geschichte des A'lfi Hartkor

A’lfi trabt zum Hügel, stellt sich auf den höchsten Punkt und wendet sich der Herde zu. Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und fragt kleinlaut: “Warum muss ich jede Woche ein neues Gebiss beim Schäfer kaufen?”. Zunächst hörten nur wenige Schafe jene Frage, die noch kein Schaf laut gestellt hat. “Damit du immer und überall genussvoll fressen kannst” murmelten ihm einige Schafe zu, ohne dabei vom Kauen abzulassen. “Aber wozu brauche ich ein zusätzliches Gebiss, wenn ich doch eigene Zähne habe?” Ein Murren ging durch die Herde, das auch die Rädelsführer der Kau-Fraktionen erreicht. “Hör mal zu Kleiner. Wie möchtest du genussvoll Fressen, wenn dir die Hilfe des Gebisses fehlt? Das geht doch gar nicht! Das Gebiss macht alles so einfach und du kannst überall alles Fressen. Es funktioniert! Du musst es nur probieren und daran glauben.”

Genau das ist A’lfis Problem. Er erzählt den Schafen, dass das Gras ohne Gebiss ganz anders schmeckt: “Es gibt unten am Fluss saftiges Gras. Das schmeckt etwas süsslich und ich könnte mich tagelang daran satt fressen.” Nach diesen Worten wird A’lfi von den Anführen umringt. Sie schauen ihn böse an und die jeweiligen Anhänger hinter ihnen blöken wild auf ihn ein. “Warum möchtest du etwas anderes schmecken, wenn wir alle dasselbe geniessen wollen? Schau dir das neuste Gebiss des Schäfers an. Während du frisst und dein Gras in Ruhe geniesst lächelst du dabei. Geht das auch ohne Gebiss? Garantiert nicht! Hör also auf darüber nachzudenken, friss und lächle dabei, wie es der Schäfer und Peer wollen.”

Obwohl immer mehr Unruhe in die Herde einzieht und die Anführer grimmig auf A’lfi dreinschauen, erwiderte er: “Naja, es ist schwierig leckeres Gras zu fressen und dabei zu lächeln. Aber man kann es mit etwas Übung lernen. Außerdem möchte ich auch unterschiedlich Lächeln können. Schaut mal in den Wassertrog. Seht ihr nicht: Ihr lächelt alle gleich.” Das Rumoren in der Herde steigert sich. Einige Schafe schauen nachdenklich in die Tränke, während andere ihre Schafwolle auf die doppelte Größe aufplustern.

Die Atmosphäre heizt sich immer weiter auf. Dennoch lässt sich A’lfi nicht beirren: “Wenn mich meine geliebte Schaf-Frau wegen einem anderen Schaf-Mann verlässt, dann möchte ich das bittere Gras da hinten am Sandloch fressen. Ich möge genau diesen feinen Geschmack in meinem Maul verspüren, der meine Wunden heilt. Und wenn ich wieder Liebe und neuen Mut in mir spüre, dann soll es eben das saftige Gras unten am Fluss sein. Nur das ist für mich genussvolles Grasfressen und nichts anderes!”

“Ich habe auch schonmal das Gebiss des Schäfers herausgenommen und probiert, Gras mit meinen eigenen Zähnen zu fressen” hörte A’lfi vom Ende der Schafherde. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, nicht der einzige gewesen zu sein, der den Versuch unternommen hat. “Ich mag ja lieber das Gras hier am Hügel” setzte das für A’lfi unbekannte Schaf nach. “Das ist gut so, Schaf. Nicht jedem muss dasselbe Gras schmecken. Es gibt bestimmt noch viele andere Geschmacksrichtungen, die es für mich und für dich zu entdecken gilt” sagt A’lfi.

Die Anführer der gebisstragenden links-, rechts- und mittekauenden Schafe sehen allmählich ihre Schafwolle dahinschmelzen. Mit lautem Geblöke versuchen sie ihre Anhänger auf sich einzuschwören. Doch immer mehr Schafe bekennen sich, keinen Sinn darin zu sehen, jede Woche ihr Fell für ein neues Gebiss des Schäfers herzugeben. A’lfi fühlte sich von einer Last befreit: Er hat seiner inneren Stimme vertraut und die Gedanken laut ausgesprochen. Auch wenn nicht alle Schafe seiner Meinung sind, so haben seine Worte andere Mitglieder seiner genüsslich fressenden Herde aufgeweckt und zum Nachdenken bewogen.

Wie jeden Tag sammeln sich auch heute ein paar Schafe um die Wortführer der links-, rechts- und mittekauenden Gebiss-Schafe. Doch dazwischen sieht man immer wieder Schafe, die gemütlich über die Weide laufen und genüsslich ihr Lieblingsgras fressen. Es versteht sich von selbst: Natürlich ohne das neuste Gebiss des Schäfers und seinem Hütehund Peer. Befreit vom Zwang jede Woche ihre Schafwolle opfern zu müssen, haben sie stattlich an Figur gewonnen. Laufen sich die Abtrünnigen einmal über den Weg, unterhalten sie sich über ihre besten Weideplätze, wünschen sich anschließend einen guten Tag und ziehen zufrieden weiter.

Wenn A’lfi & Co. alt sind bleibt zu hoffen, dass der Schäfer trotz der abtrünnigen Schafe irgendwann ein einfaches Gebiss entwickelt, das lediglich dem Zermahlmen der Grashalme dient und die innovationsmüden Schafe auch weiterhin einfach nur ihr geliebtes Mahl geniessen können. Und wenn A’lfi Hartkor nicht gestorben ist, dann zieht er noch heute auf der Suche nach dem leckersten Gras über die Weide, schaut gelegentlich beim Schäfer und seinem Hütehund Peer vorbei und hofft, dass seine eigenen Zähne noch möglichst lange halten.

Wo sich A’lfi Hartkor a.k.a. Graf Schaf zur Zeit befindet und wie die Geschichte weitergeht, kann auf seinem Blog nachgelesen werden … weiter

oder ... Wie Graf Schaf auszog, das genüssliche Fressen für sich wiederzuentdecken!

Alle hier genannten Schafe, Rädelsführer, Schäfer und Hütehunde sind frei erfunden! Jede Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenden Schafen sind rein zufällig und völlig unbeabsichtigt!

* Bisher hatte ich die “Geschichte” seit Januar 2010 unter einer eigenen Domain online. Mittlerweile ist der Hype um den DSDS-Alfi abgeklungen … lebt der überhaupt noch … und mein Ausbruchsversuch hat “eigenartige” Züge angenommen. Es wird deshalb Zeit, neue Prioritäten zu setzen … :evil:

Quickie zum Sonntag

Sonntag, Februar 28th, 2010

Am Anfang sprach Einer die Lüge aus,
schnell fand sich ein Zweiter
und übernahm sie unbesehen.

Beide taten sich zusammen,
zogen in die weite Welt hinaus
und nannten ihr Wort fortan Wahrheit!

Kreativität – Zwiegespräch mit einem Fotografen

Donnerstag, Februar 18th, 2010

Vorwort
Das Internet quillt vor Informationen über: Text, Bild, Video, Meinung, Wahrheit, Unwahrheit, Liebe, Wut, Hass … in meinen Augen ist die Informationsquelle einfach nur laut. Ich hasse Krach, da er permanent bemüht ist, mich von meinem eigenen Leben abzulenken. Ich bin aus freiwilligen Stücken ein Teil der Geräuschkulisse und muss im eigenen Interesse die Informationsflut filtern. Deshalb such ich mir jene Plätzchen, die mir Ruhe und Zeit zum Nachdenken geben. Egal wer mich und die anderen Mitmenschen erschaffen hat, gab mir beziehungsweise uns einen Kopf nebst Gehirn. Das tat er (sie oder es) nicht nur, um uns Haare wachsen zu lassen und aktiv das Friseurhandwerk zu finanzieren. Wir können denken und das in vielerlei Art … zum Beispiel vordenken, denken und nachdenken. Mein Hort der Ruhe und des Nachdenkens ist seit ein paar Monaten Michael K. Trout. Mit seinen Aussagen rund um das weite Feld Fotografie provoziert er meinen Geist, gibt mir neue Impulse und bestätigt das, was ich in meinem Inneren schon lange vermutet habe. Anstelle eines Kommentars möchte ich in einem eigenen Artikel auf seine Gedanken zur Kreativität antworten.

Was war zuerst da: Gott, der Urknall, das Huhn oder das Ei? War es eine Laune der Natur, Atome zu Moleküle zusammenzufügen, nach und nach komplexe Strukturen zu erschaffen, die im Zuge des Evolutionsprozesses nicht nur denkende und selbstständig handelnden Wesen hervorgerufen hat? Gibt es irgendwo den großen Magier, der Adam, Eva, eine Schlange und einen Apfel erschuf, um sie nach dem Sündenfall auf den Planeten Erde loszulassen?

Was haben diese Fragen mit der Kreativität und Fotografie zu tun? Als Atheist und gering bibelbelesen greife ich mir mit einer gewissen Naivität Bausteine die ich glaube zu kennen und füge sie zu (m)einem Weltbild zusammen. Ich könnte genauso gut das Ei, den Urknall und das Grillhähnchen zu einer Erklärung heranziehen. Vielleicht würde die Geschichte lustig klingen. Es gäbe auf der anderen Seite genügend Leute, die meine “Gotteslästerei” als Anlass zum Widerwort nehmen.

Was habe ich getan? Im weitesten Sinne war ich kreativ und habe als Ungläubiger an den Grenzen der Gläubigen gekratzt. Ich gehe in meinen naiv kreativen Gedanken sogar noch einen Schritt weiter. Obwohl die Natur in unserem Sinne nicht denken kann, war sie für mich dennoch kreativ genug, Wasser, Luft, Pflanzen, Tiere und Menschen zu schaffen. Ich rüttle an den eigenen Vorstellungen über die Entstehungsgeschichte … stelle mein eigenes Weltbild in Frage. Zugegeben: Alles ist ein Produkt, das erst unter bestimmten Bedingungen möglich und mit einem gewissen Zeitfaktor verbunden ist. Im Gegensatz zur Natur erlaubt uns das Denken, Prozesse zu unserem Gunsten als auch Ungunsten zu beeinflussen. Wir sind kreativ, auch wenn wir die Tragweite mancher Entscheidung nicht vorhersehen können.

Aus meiner Sicht ist ein Baustein der Kreativität das Lernen, der bereits kurz nach der Geburt seine Form annimmt. Es gibt Instinkte, Reflexe und Bedürfnisse, die den Lernprozess lostreten und eigentlich bis zum Tod nicht enden sollte. Im Laufe der menschlichen Entwicklung hat sich wenig an der instinktiven Lernfähigkeit geändert. Vielmehr verschieben sich auf Grundlage des bereits vorhandenen Wissens die Eingangsbedingungen. Während Steinzeitkinder das Erlegen des Mammuts oder sammeln von Beeren erlernen mussten, scheint heute die Bedienung elektronischer Geräte das Muss zu sein. Dementsprechend sind Spielekonsolen, Taschenrechner, Handy oder Computer das Einstiegslevel der Kreativität. Beide “Kreativitäten” … die des Jagens und Digitalen … sind nicht miteinander vergleichbar.

Angesichts der Technisierung unserer Gesellschaft und der damit beabsichtigten Erleichterung für unser weiteres Leben ist es nicht verwunderlich, das aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus Fähig- und Fertigkeiten “vergessen” werden, die unkritisch betrachtet mühsam und langweilig erscheinen. Darauf angesprochen wird als Abwehrreaktion eine Haltung eingenommen, die Kreativität konterkariert (Sklaven der Technik). Kreativität bedeutet in meinen Augen Fortschritt auf Grundlage Altbekanntem.

In das Letztgenannte fallen das Erlernte und alle positiven wie negativen Erfahrungen. Um beim Volksmund zu bleiben: Wenn Hänschen das Malen mit Buntstiften und Papier nicht lernt, wird Hans keine Beziehung zur klassischen Malerei aufbauen. Der Computer kann Papier- und Pinseleigenschaften simulieren, eine kreative Bindung baut sich erst im realen Kontakt zu dem Medium auf. Kreativität bedeutet zeitgeistliche Grenzen zu überschreiten und Dinge auszuprobieren, die in der zementierten Denkweise vom Weg des geringsten Widerstandes nicht hineinpassen. Kreativität erfordert immer eine kritische Überprüfung … allgemeingültig und im Hinblick auf den aktuellen Zeitgeist.

In dem Sinne schließt sich aus meiner Sicht der Kreis zu den Ausführungen von Michael. Mag der ursprüngliche Sinn der Fotografie darin bestanden haben, ein möglichst realistisches Bild eines Auszugs der unmittelbaren Umgebung festzuhalten. Ebenso bietet Fotografie die Chance, die eigene Sichtweise auf ein Objekt in einer Aufnahme darzustellen. Kreativität in irgendeiner Form Regeln zu unterwerfen … wir Menschen neigen aus Bequemlichkeit sehr gern dazu … ist kontraproduktiv und engt zwangsläufig die Spielwiese ein. Kreativität ist ein Spiel, das man gewinnen (im Sinne der eigenen und gesamtheitlichen Bereicherung) oder verlieren kann. Sowie man sich bewusst oder unbewusst Grenzen setzt, droht der Kreativität die Niederlage.

Ich verstehe Michaels Gefühl, sich scheinbar im Kreis zu bewegen. Mir geht es nicht viel anders. Ich musste mich erst von Dingen lossagen, an die ich bis dato geglaubt und sie auch gebetsmühlenartig niedergeschrieben habe. Die Einsicht hat nichts mit Dummheit oder Unwissenheit zu tun. Für mich ist es “nur” ein Erkenntnisprozess. Das Lesen der stillen, aber für mich wirkungsvollen Worte des Trouts zeigen mir, dass auch andere … weitaus erfahrene Zeitgenossen der Fotografie … immer wieder dieselbe Entwicklung durchlaufen. Es ist für mich keine Schande zu sagen: Ich habe mich geirrt! Im Sinne der Kreativität … egal wie stark sie bei mir im Vergleich zu anderen ausgeprägt ist … muss der bequeme Weg verlassen werden. Anderenfalls kommt bei kritischer Betrachtung die Erkenntnis: “Ich habe den Eindruck, meine Fotos sehen alle gleich aus”.

Was mich am meisten an der Kreativität reizt, ist die bewusste Abkehr von meiner Wahrheit und Realität. Auf der anderen Seite gewinne ich kindliche Naivität zurück und erlange eine innere Befriedigung. Für die Aussenwelt wird das Ergebnis (Foto oder Text) komplexer und vielleicht auch schwerer kommunizierbar. Doch auch das ist ein Lernprozess: Ein gemaltes oder computergeneriertes Bild, eine Fotografie muss und kann sich nicht selbst erklären. Ich muss dem Betrachter hilfreich zur Seite stehen … einen Weg ebenen. Persönlich habe ich ohne Unterstützung keinen Zugang zu Picassos abstrakter Kunst. Um seine Werke zu verstehen, muss ich den Umgang mit dieser Darstellungsform, den Inhalten und die Sichtweise des Künstlers erlernen. Und nur wenn ich mich darauf einlasse, kann ich in diese Welt abtauchen und Schlüsse für meine Spielwiese ziehen.

Kreativität hat also in meinen Augen auch etwas mit der Fähigkeit zu tun, den eigenen Schweinehund zu überwinden … sich Neuem zu öffnen. Ich weiss nicht, wohin mich meine Art der Kreativität führen wird. Wird es mir gelingen, eine Handschrift zu entwickeln, die unverkennbar “Der Puhle” ist? Wird sie so markant sein, dass sie sich sogar von der Masse abhebt … das “berühmt, reich und sexy” in Erfüllung geht? Es handelt sich dabei “nur” um Träume, die weit im Hinterkopf angesiedelt mein Tun und Handeln bestimmen. Ich möchte heute oder morgen keine Antwort darauf haben. Insofern mein Geist mitspielt, werde ich mir die Frage am Ende meines Lebens stellen. Und selbst wenn ich sie verneinen werde, dann weiss ich eins: Beim Versuch meine Grenzen zu überschreiten, war ich dabei so mit mir beschäftigt, dass ich nicht vor Langeweile dem Alkohol verfallen bin …

Fotowettbewerbe – Risiken und Nebenwirkungen

Dienstag, Februar 16th, 2010

Vor ein paar Tagen war Meinung zu den Ergebnissen eines Internet-Fotowettbewerbs gefragt. Das zeitgemäße Thema war Winter. Ich schaute mir die Ergebnisse an. Ohne Zweifel sind sie mir sofort ins Auge gesprungen. Je länger und genauer ich sie betrachtete, umso mehr Zweifel kamen in mir auf. Mehr und mehr ergaben sich für mich Fragen … zwei der drei Gewinner wirkten für eine Fotografie inhaltlich nicht plausibel auf mich. Für “reale” Fotos gelten physikalische Gesetzmäßigkeiten, an den nichts zu drehen gibt.

Beim Siegerbeitrag wollte der warme Sonnenuntergang nicht zu dem neutralweissen Vordergrund passen. Ebenso wenig passten die Schatten eines vereinzelt stehenden Baumes nicht zum Sonnenstand. Die Trennung zwischen Vorder- und Hintergrund erfolgte in einer geraden Linie. Welch glücklicher Fotograf, der in der Natur solch ein Motiv vorfindet. Der morgendliche Nebel im zweitplatzierten Motiv deutete ebenfalls auf allerlei Effekthascherei hin. Zu gern vergessen die Pimper, die Tiefenstaffelung des Motivs zu berücksichtigen. Lediglich dem Dritten konnte ich etwas positives abgewinnen. Gut, hierbei handelt es sich um eine junge Frau und Asiatin in Personalunion. Ich wurde als Mann nach meiner Meinung gefragt und mit dem heterosexuell orientierten Auge habe ich die glücklichen Gewinnerbeiträge betrachtet.

Nun habe ich nichts dagegen, mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms Fotos zu bearbeiten. Wenn der Hinter- oder Vordergrund es nicht hergibt, dann darf es gerne auch eine Montage sein. Wegen meiner kann oder sollte auch der morgendliche Nebel im Sinne der Dramatik verstärkt werden. Doch die Ergebnisse dürfen dann bitte nicht mehr als Fotos bezeichnet werden. Alles was über eine filmähnliche Entwicklung und Retusche hinausgeht, hat nichts mehr mit Fotografie zu tun. Man möge bitte den Wettbewerb als beste Bearbeitung einer winterlichen Szene ausloben … das wäre gegenüber Fotografen und ihren Wettbewerbsbeiträgen gerecht.

Weitaus spannender als die drei “Besten der Wettbewerbsjury” fand ich das verbale Schulterklopfen der Gewinner und anderen Teilnehmer. Voll des Lobes für den jeweils anderen erinnerten mich die Wortbeiträge an jene Möchtegern-Diven, die bei der Oscar-Verleihung heulend vor dem Mikrofon stehen und einen auf total überrascht machen. Wenn es um echte Eye-Catcher geht, dann geht die Wertung der Jury in Ordnung. In Sachen Handwerk und Inhalt hat das Bewertungskomitee einen Orden für beidseitige Blindheit verdient.

Angesichts der Euphorie unter den Gewinnern, Jurymitgliedern und den regelmäßigen Bloglesern gleicht das Wagnis eines kritischen Wortes dem Selbstmord. Es tat sich ein mutiger Sehender auf, Kritik an der Weisheit der Jury und erkorenen Meisterwerken zu üben. Wie zu erwarten hagelte es derart verbale Dresche, dass der Kritiker bat, seinen Beitrag zu entfernen. In einer Entschuldigung unterwarf sich der Sehende der unendlichen Mildwürzigkeit einer blinden Mehrheit. In der Regel werden Widerworte mit Neid, Missgunst und der Unfähigkeit, nicht verlieren zu können, in Verbindung gebracht. Recht so! Mit einem vom Bildschirm abgewandten Blick liegt die Tastatur eben näher als die eigene Nase. Einfach mal das Wort des Anderen lesen, auf sich wirken lassen und selbstkritisch zu überlegen, ob nicht doch ein Körnchen Wahrheit darin steckt, ist im kurzlebigen Internet nicht opportun.

Ich durfte selbst Jury für eine Fotofachzeitschrift in einer großen deutschen Online-Community spielen. Die Vorlagen lieferten die Mitglieder selbst und sollten angeblich die 100 besten Fotografien sein. Allein die Tatsache, dass einzelne Fotografen mit nahezu identischen Motiven mehrfach in dieser Vorauswahl vertreten waren, spricht Bände. Insgesamt empfand ich die meisten Beiträge eher für einen Wettbewerb geeignet, bei dem der schönste Rahmen nebst Signatur gekürt werden sollte. Wo ich nur hinschaue, dem Klimbim drumherum wird mehr Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt als der eigentlichen Zweckbestimmung einer Aufnahme.

Ich versuche Fotowettbewerbe zu meiden. Zum einen gibt es weitaus bessere Fotografen, zum anderen liegt meine “Stärke” in der Kombination aus Wort und Bild. In meinem Geknipsten liegt viel zu viel vom Ego-Tripp des Ronald P. aus Berlin. Das kann und muss nicht von jedem verstanden werden. Viel zu oft handle ich instinktiv und versuche im Nachhinein zu interpretieren, was mich in dem Moment dazu bewegt hat den Knopf zu drücken. Wenn ich einen Fotowettbewerb ausloben und mich nebst Weiteren zur Jury küren würde, dann müsste jeder Wettbewerbsbeitrag außerdem das digitale Original (sprich Rohdaten) einreichen. Des Weiteren müssen die Beiträge in einer A4-ähnlichen Größe vorliegen, damit die Jury die Auswahl an einem echten und keinem Bildschirmfoto treffen kann. Warum? Hier liegt ein kleiner Fallstrick für wie oben genannte Wettbewerbe: Das Pimpen, Montieren und Retuschieren muss für die Druckauflösung handwerklich sauber erfolgen. Das sollte ich von einem echten Gewinner eines solchen Wettbewerbs verlangen dürfen … :evil:

Bye, bye 2009!

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

In wenigen Stunden gehört das Jahr 2009 der Vergangenheit an und das erste Jahrzehnt im 21. Jahrhundert liegt hinter mir. Was mit dem hinauf beschworenen größten Computer-Bug begann, endet für mich mit einer gewissen Zufriedenheit. Das zurückliegende Jahrzehnt hat mir trotz seiner desaströsen Nebenwirkungen zwei neue Perspektiven aufgezeigt: Schreiben und Fotografieren. Derzeit ist es am Horizont nicht abzusehen, dass das Licht erlischt. Ganz im Gegenteil: Neue und vor allem interessante Leute haben meinen Weg gekreuzt. Des Weiteren sind neue Projekte im Gespräch. In dem Sinne bin ich so positiv eingestellt, dass ich vom nächsten Jahr und Jahrzehnt einiges erwarte.

Um mir mit den negativen zwischenmenschlichen Erfahrungen der letzten Jahre etwas weniger die Seele zu belasten, versuche ich mehr denn je mir dieses Zitat zu Herzen zunehmen:

Jeder Mensch hat seine guten Seiten. Man muß nur die schlechten umblättern.
Ernst Jünger

Jetzt muss ich nur noch die dafür erforderliche Geduld aufbringen. ;)

Ich wünsche meinen Besuchern einen beschwingten Jahreswechsel, ein gesundes, glückliches und erfolgreiches Jahr 2010!

Berlin-Marzahn

Foto: 2007 Ronald Puhle